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Strangulation eines Luchses

Anmerkungen über den forensischen Nachweis einer Strangulation beim Luchs.

 

Der forensische Nachweis der Strangulation an einem Luchskadaver ist äußerlich sehr schwer, in den meisten Fällen nicht möglich. Besonders das Winterfell des Luchses besteht aus feinen, dichten und sehr elastischen Haaren. Der Durchmesser der Haare ist abhängig von der Unterart und reicht beim:

 

Primärhaar: 0,051 - 0,071mm

 

Sekundärhaar: 0,030 - 0,042mm

 

Die Haardichte des Winterfells : > 6000 max. 9000 Haare/cm².

 

Luchse haben keine Röhrenhaare, die eine hohe Brüchigkeit aufweisen.

 

In Kanada und den USA dürfen Luchse gefangen, getötet und die Felle kommerziell vermarktet werden. Felle der Nordamerikanischen Unterarten werden weltweit legal exportiert, besonders in die EU.

 

Die Fangmethode beschränkt sich im Wesentlichen auf den Einsatz von sogenannten Tellereisen. Die Tötung durch Strangulation des noch lebenden, gefangenen Luchses durch den Fallensteller dauert nur wenige Sekunden und hinterlässt bis auf die Beschädigung der Pfoten durch das Tellereisen, kaum erkennbare äußere Verletzungen. https://youtu.be/bWn8CrhFfU8

 

Alternativ kommt auf dem Nordamerikanischen Markt die angebotene „Lynx Snare“ zum Einsatz. Diese ist gefertigt aus hochflexiblem gedrehtem Stahldraht, mit einer Schlinge, die einen Rücklauf blockiert, sodass der darin gefangene Luchs sich durch seine Befreiungsanstrengungen unweigerlich stranguliert. Der gesamte Tötungsvorgang der Strangulation dauert nur wenige Sekunden und hinterlässt kaum erkennbare äußere Verletzungen am Hals (Bild 1).

Bild 1
Bild 1

Die Fangmethode und die damit verbundene Tötung durch Strangulation wird als besonders „fellschonend“ beschrieben. Aus den genannten Fangländern werden Luchsfelle in großen Positionen fast ausschließlich ohne Pfoten exportiert (Bild Nr. 2 u. 3)

 

Um den sichtbaren Nachweis des Tellereisenfangs auszuschließen, sind die Pfoten an den Fellen häufig entfernt. Man erspart sich aber auch das zeitintensive Abhäuten der Pfoten, die für das pelzverarbeitende Handwerk wertlos sind. Tierschutzrechtlich ist man immer auf der sicheren Seite, da die Tötung durch Strangulation nicht nachweisbar ist - bzw. erkannt werden kann.

Bild 2
Bild 2
Bild 3
Bild 3

Der Nachweis der Tötung durch Strangulation ist an den teilweise nur getrockneten Rohfellen bei der Einfuhr in die EU nicht möglich. Die Exemplare erscheinen äußerlich unbeschädigt und unverletzt. Die Nordamerikanische Fangtechnik stellt durch den leichten Zugang im Internet eine weitere für die Wildtierforensik schwer nachweisbare Tötungsmethode dar.

Konfliktsituationen

 

Luchse gehören in der EU zu den besonders geschützten Wildtierarten. Die Verfolgung oder Tötung stellt den Straftatbestand dar.

Jeder Verlust eines Individuums aus einer sich neu aufbauenden Population kann zu einem Problem für den Fortbestand der Art führen.

Der Schutz eines jeden Exemplars ist deshalb unverzichtbar!

 

Durch die Nutzung des auch für den Jagdausübungsberechtigten begehrten jagdbaren Wildes durch den Beutegreifer Luchs, kommt es zu Konfliktsituationen nicht nur in Deutschland, die für den Luchs häufig tödlich enden.

 

In deutschen Wäldern wird gewildert, dies ist nicht nur in Jägerkreisen bekannt.

Wilderer sind keine Jäger. Wilderer können aber die Voraussetzungen für die Jagdausübung erfüllen durch die bestandene Jägerprüfung, den legalen Erwerb von Jagdwaffen sowie einer Jagdgelegenheit.

Die Wilderei auf artgeschützte Arten hat erheblich zugenommen, besonders zu leiden haben in bestimmten deutschen Bundesländern Luchse.

 

Die Tötung von Wildtieren mit Schlingen war schon immer die praktizierte Fangtechnik der Wilderei.

Anmerkung: Ein viel diskutierter Fall aus dem Bundesland Bayern ist -strategisch gewollt- wieder in den Fokus gerückt worden.

Da der Fall von öffentlichem Interesse ist, werden Auszüge aus der Begutachtung zugänglich gemacht.

Berechnung der Schlingenkraft

 

Die Europäischen Luchse sind größer und kräftiger gebaut als die beiden Nordamerikanischen Arten. Es stellt sich nun die Frage, ob die Tötungstechnik, die in Nordamerika bei der beschriebenen Luchsjagd Anwendung findet, grundsätzlich auch für den kräftigeren Europäischen Luchs mit dem gleichen Erfolg angewendet werden kann. Hierfür war es erforderlich die Kräfte, die für die Tötung durch Strangulation eines Europäischen Luchses nötig sind, zu berechnen. In Abhängigkeit zum Alter und zum Halsumfang der Exemplare wurde der Kraftaufwand, der durch die Schlingenkraft auf den Hals des Luchses übertragen wird, berechnet.

 

Eine Schlinge wird mit der Zugkraft W zugezogen, siehe Abbildung. Diese verteilt sich auf die beiden Seiten der Schlinge jeweils auf die Kräfte F in Abhängigkeit des Winkels a. 

Ist die Schlinge geöffnet, so ergibt sich ein kleiner Winkel a. Dieser vergrößert sich durch das Zuziehen der Schlinge. Theoretisch liegt der Winkel somit zwischen 0°-90°. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass die Schlinge keinen vollständigen Kreis ausbilden kann, daher wird ein maximaler Winkel von a=80° angesetzt. 

 
 

Fall 1: Hals Durchmesser 102mm

 

Hals Durchmesser 102mm (Umfang 320mm)

Dies entspricht einem etwa 2 Jahre alten starken Exemplar eines Europäischen Luchses im Winterfell

Fall 2: Hals Durchmesser 58mm

 

Hals Durchmesser 58mm (Umfang 180mm)

Dies entspricht einem etwa 7,5 Monate alten Exemplar eines Europäischen Luchses im Winterfell

 

Alle angegebenen Zugkräfte können von einem erwachsenen Menschen problemlos aufgebracht werden. Die Schlinge liegt als Draht an, der Druck verteilt sich automatisch und liegt überall gleich stark an.

 

Die äußere Kompression der Halsweichteile besonders der Gefäße, zunächst die Venen u. Arterien. Es folgt eine Atembehinderung durch Druck auf die Luftröhre (Trachea).

Die Reduzierung der arteriellen Blutzufuhr zum Gehirn durch Abdrücken der Aa.carotides und Aa.vertebrales.

Gemeinsam ist diesen das typische Vorliegen von Strangmarken an der Halsmuskulatur mit auffälligen Weichteil- bzw. Stauungsblutungen. Bei Strangulation kann es zu Blutungen im subkutanen Gewebe, in den Halsweichteilen und in der Muskulatur sowie zu Verletzungen an den Halsorganen kommen. Diese Befunde sind nicht nur ein Beleg für eine Druckwirkung gegen den Hals, sondern auch für die spätere Beurteilung  von forensischer Bedeutung. 

Für die verschiedenen forensischen Fragen sind auch die häufig dokumentierten Blutungen an/in den Augen von Bedeutung. Die möglichen Ursachen für die Blutungen an Lid- und Bindehäuten wurden durch Gewalt im Halsbereich/Strangulation in der Literatur ausreichend beschrieben. Der Einsatz von Stauungsblutungen erfordert letztendlich auch die Bewertung der gesamten Befundkonstellation. 

Wenig erfahrene Pathologen können die Unterhautblutungen am Hals “übersehen”, weshalb die Diagnose Strangulation auch gar nicht erst gestellt werden kann. In einem solchen Fall kann man den Begriff Kunstfehler durchaus verwenden.

Schlußfolgerung

 

  1. Forensisch ist die Strangulation an einem trockenen, nicht gegerbten Luchsfell nicht nachweisbar. An einem gegerbten, d.h. denaturierten Luchsfell können belastbare Befunde einer Strangulation gar nicht festgestellt werden.
  2. Alle angegebenen Zugkräfte reichen aus, um einen 7,5 Monate alten Luchs (siehe Fall 2) sowie den darüber aufgeführten 2 - jährigen Luchs (siehe Fall 1) zu strangulieren. Die Tötung eines in Europa lebenden Luchses durch Strangulation ist ohne größeren Kraftaufwand möglich; allerdings bedarf es dazu abgrundtiefer Skrupellosigkeit!

Team Zootomie/Forensik 14.06.2021

www.team-zootomie.de

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Kommentare: 1
  • #1

    Wolfgang Scherzinger (Freitag, 18 Juni 2021 10:36)

    der letzte Satz ist der Beste!